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Überwältigendes Gesamtkunstwerk

Kunststätte Bossard © Jan Totzek/panographer.de

landpartie | Am Nordrand der Lüneburger Heide, verborgen im Wald, findet man ein einzigartiges expressionistisches Gesamtkunstwerk, das bisher zu wenig Aufmerksamkeit erhält: Die Kunststätte Bossard.

Kunststätte Bossard © Michael ChmellaDas Künstlerehepaar Johann Michael und Jutta Bossard-Krull verwirklichte auf einem drei Hektar großen Areal bei Jesteburg/ Lüllau eine gemeinsame Vision. Die Kunststätte Bossard, ein Ensemble aus Wohn- und Atelierhaus, einem Kunsttempel und Garten- und Parkanlagen, beinhaltet heute mehr als 3000 Einzelkunstwerke.

Bis zum Tode von Johann Michael Bossard im Jahr 1950 arbeiteten er und seine Frau Jutta unermüdlich gemeinsam und auf Augenhöhe an ihrem Ziel, Architektur, Bildhauerei, Malerei, Landschaftsarchitektur und Kunstgewerbliches zu einer Einheit werden zu lassen. Der beeindruckende Kunsttempel, der Edda-Saal und jeder Raum des Wohn- und Atelierhauses sind komplett mit Wandmalereien, Skulpturen, Holzschnitzereien, Bronzeguss und weiteren künstlerischen Techniken ausgestaltet und in seinem ursprünglichen Zusammenhang erhalten. Die Gärten sind kunstvoll angelegt, so dass die Bewohner dort einerseits Ruhe und Meditation finden und sich andererseits mit dem, was sie anbauten, auch komplett selbst versorgen konnten. Dieses Gesamtkunstwerk wird heute von einer Stiftung verwaltet und steht als Museum für Besichtigungen offen.

© JanTotzek_Panographer_de

„Die Meinen werden mich schon finden“, hat Johann Michael Bossard (1874-1950) einmal gesagt. Und das ist bedeutsam, da der als introvertiert beschriebene Bildhauer und Maler bis heute zu den „vergessenen Künstlern“ zu zählen ist und sein Werk noch viele Rätsel aufgibt.

Nach einer schweren Kindheit in bitterer Armut, geprägt vom frühen Tod des Vaters und dem Verlust eines Auges im Alter von elf Jahren, arbeitete sich der gebürtige Schweizer zum angesehenen Bildhauer in Berlin und schließlich ab 1907 zum Professor der Hamburger Kunstgewerbeschule hoch. Bis 1911 schuf er viele Plastiken für Hamburger Gebäude, ohne heute als deren Schöpfer wahrgenommen zu werden. 1911 dann entdeckte Bossard das Heidegrundstück bei Lüllau, das ihm ideal erschien, um seine Vision von einem Gesamtkunstwerk zu verwirklichen. Alle künstlerische Energie floß ab diesem Zeitpunkt in den Aufbau und die Ausgestaltung der Gebäude und des Grundstücks. Ab 1926 wurde er dabei von seiner ehemaligen Meisterschülerin und Frau Jutta Bossard-Krull unterstützt. In künstlerischer Symbiose entwickelte das Paar ein schöpferisches Ganzes, basierend auf Albrecht Dürers magischem Viereck und der vielfältigen Gegenüberstellung von Gegensätzen.

JanTotzek_Panographer_de

Heute scheint es wie ein Wunder, dass die Kunststätte Bossard die Zeit von 1933 bis 1945  unbeschadet überstanden hat, denn ein derartiges expressionistisches Werk konnte nicht zum Kunstverständnis der Nationalsozialisten passen. Die Kunsthistorikerin Dagmar Detlefsen, die uns sachkundig durch die Kunststätte geleitet, führt dies ein Stück weit auf die Abgeschiedenheit zurück, in der das Ehepaar Bossard hier wirkte. Jutta Bossard soll einmal von einem „bekanntermaßen dem Brandwein sehr zugeneigten Gauleiter“ berichtet haben, der sie aufsuchte und nach der Besichtigung fassungslos und kopfschüttelnd wieder ging. Folgen aber hatte es keine.

Anders als so viele Weggefährten behielt Johann Michael Bossard bis zu seiner Pensionierung 1944 seine Professur in Hamburg. Dagmar Detlefsen vermutet, dass dies durch seinen künstlerischen Rückzug und seine große Vorsicht in der Öffentlichkeit, seine Schweizer Staatsbürgerschaft und seine als nationalkonservativ eingeschätzte politische Haltung möglich wurde. Hier ist noch vieles ungeklärt, aber trotz seiner Position war Bossard beispielsweise nie in die NSDAP eingetreten. Man kann wohl davon ausgehen, dass der verschlossene Künstler immer tiefer in die innere Emigration ging.

Der 29 Jahre jüngeren Jutta Bossard-Krull (1903-1996) ist zu verdanken, dass die Kunststätte in ihrem Zustand von 1950 erhalten blieb und heute für die Öffentlichkeit zugänglich ist. Wegen des Umfangs des Werkes empfehlen wir, an einer allgemeinen Führung (1,5 Std., sonntags 14.30 Uhr) teilzunehmen.

Die Kunststätte ist vom 01. März bis 31. Oktober mittwochs bis sonntags geöffnet. Weitere aktuelle Informationen und die Öffnungszeiten finden Sie auf der Homepage der Kunststätte Bossard. Von November bis März sind zudem Gruppenbesichtigungen auf Anmeldung möglich. Den Ausflug nach Jesteburg können Sie sehr schön mit einem Besuch des Brookhoff in Lüllau verbinden.

Noch ein Tipp: Schauen Sie sich die Kunststätte doch einmal über Google Earth an, dort sieht man sehr schön das Omega, das mit Tannen angelegt wurde. Wenn man durch die Tannen in den Innenraum tritt, ist dies ein fast schon kosmisches Erlebnis.

Foto Hof der Kunststätte Bossard: © Luftbilder/Michael Chmella
Panorama des Kunsttempels und Panoramafoto Edda-Saal: © JanTotzek, Panographer_de

 

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