Alle Artikel in: short stories

literatur | Kurzgeschichten, die sich um Fundstücke und Entdeckungen ranken. Außerdem finden Sie hier die Geschichten der Preisträger des Literaturwettbewerbs 2015. Die Geschichten unterliegen dem Copyright des Autors, der Link darf aber über den Button am Ende der Erzählung via Facebook geteilt werden.

Literaturpreis 2015 - Die Schaedel von Michael Wenzel, 1. Preis.

1. Preis | Die Schädel

preisträger 2015  | Statt halbe tote Schweine im Schlachthaus herumzuschleppen, arbeitete ich in dem Sommer auf dem Friedhof. Was von der Löhnung her ein Abstieg war und mich nicht weit wegbrachte von der Hinfälligkeit des Fleisches. Aber es war ein netter Ort, muss ich sagen. Sonnenpfützen und Schattenflecken lagen hübsch beieinander, Eichkatzen turnten die Bäume rauf und wieder runter, und auf einer Bank, hinten an der Mauer, hockten die Tippelbrüder und soffen Wermut. Hockten da, und manchmal sagte einer, als hätte er eine Botschaft zu verkünden: „Du, da lieg ich au bald.“ Und dann sagte einer nach einer angemessenen Zeit der Besinnung: „Genau“ und rülpste, was eine noch nachhaltigere Form der Bestätigung war. Ich schob eine Blechkarre durch die Gegend, schaffte verdorrte Kränze weg, harkte Kieswege, wo alte Frauen entlangschlurften. In der Hand die grüne Gießkanne aus Plastik, den Buckel schon nach unten gebeugt. Ab und an ackerte ich im Komposthaufen. Da sah ich die fetten, weißen Würmer und dachte dran, was ihr Geschäft ist. Zwischen verwitterten Marmorengeln, die schon händeringend zum Himmel aufsteigen wollten, …

2. Preis Literaturpreis Zeit aus Eis von Ilka Haederle

2. Preis | Zeit aus Eis

preisträger 2015 | Seit gestern treibe ich auf dem Eis. Der Sturm, der tagelang getobt hat, schweigt. Durch das Fenster sehe ich die zerborstenen Masten unseres Schiffes. Die Sonne wirft ihr letztes Licht auf das Nordmeer. In den Augen der Eisbären spiegelt sich die Schönheit des Todes. Hungrig umkreisen sie meine Hütte, ihre Krallen haben tiefe Rillen in die Blechwände geritzt. Wir treiben auf einer Eisscholle, die sich vom Gletscher abgespalten hat. Wäre ich nicht eingeschlafen, lägen wir in sicherem Hafen. Mit dem Frachter verschwindet auch unser Neodym im Meer. Die Eisschicht war so unerwartet dünn gewesen, dass wir kaum Mühe hatten, das wertvolle Erz zu fördern. Die gefüllten Bohrkerne machten uns übermütig. Keiner von uns hatte sich jemals so weit nach Norden gewagt. Das große Geld wollten wir machen nach den kargen Jahren. Fünf waren wir zu Anfang. Jetzt bin ich alleine. Nur Keko, unser Hund, ist noch bei mir. Er ist der einzige, der den Mut nicht verloren hat. Wir glaubten uns vertraut mit den Bedingungen des Eismeeres, seinen plötzlichen Wetterumschwüngen. Bis am …

Taxi nach Zehlendorf von J.T.A. Wegberg

3. Preis | Taxi nach Zehlendorf

preisträger 2015 | In meinem Taxi ist schon alles Mögliche zurückgelassen worden: Handys, Brillen, Geldbörsen, Taschen und Kleidungsstücke sind Standard. Ich habe aber auch schon einen WC-Deckel, einen E-Book-Reader, eine Tüte mit Räucherfisch und zwei Gramm Kokain gefunden. Gerade eben erst habe ich einer jungen Frau ihr Bahnticket hinterhergetragen, das sie auf dem Armaturenbrett hatte liegenlassen. Ihr Zug fuhr gerade ein, als ich die letzten Stufen der Rolltreppe zum Gleis hochjagte. Ich schließe mich der Reihe wartender Kollegen vor dem Hauptbahnhof an und werfe einen Blick auf die Uhr: kurz vor elf. Noch eine letzte Fuhre, dann mach ich Schluss für heute – wenn ich Glück habe, kann ich um Mitternacht zu Hause sein. Die Taxis vor mir fließen zügig ab; immer neue Reisende strömen aus dem Bahnhof heraus. Touristen zücken ihre Kameras und fotografieren die prachtvoll beleuchtete Silhouette aus Reichstag, Bundeskanzleramt und Fernsehturm, die sich ihnen am Ausgang Friedrich-List-Ufer bietet, Geschäftsleute dagegen steuern zielstrebig auf unsere elfenbeinfarbene Armada zu. In den Wagen vor mir steigt ein dicker Schwarzer in einem farbenprächtigen, langen Gewand und …

Wer es findet, darf es behalten

© Nicole Knötig Nicole Knötig – Zeichnerin & Autorin Nicole Knötig wurde 1986 in Heidelberg geboren. Nach ihrer Schulzeit absolvierte sie eine Ausbildung zur Heilerziehungspflegerin. 2014 holte sie ihr Abitur auf dem zweiten Bildungsweg nach. Derzeit arbeitet sie wieder in ihrem erlernten Beruf und beginnt voraussichtlich im Oktober ein Studium. Schon seit der frühsten Kindheit hat sie gerne geschrieben und besonders gemalt. In beiden Bereichen hat sie vieles ausprobiert. Im Comic Genre vereinten sich schließlich diese Leidenschaften. Der Comic Stil ist auch deutlich in ihrer Malerei wieder zu erkennen.    

Katzengold

short story | In dem Sommer, von dem hier die Rede ist, 1957, verlor meine Mutter ihren goldenen Stiftzahn, den sie erst ein Jahr zuvor bekommen hatte. Das passierte irgendwo am Ufer des Baches, der sich hinter der Gartenkolonie, in der Großvater ein Stück Land gepachtet hatte, dahin schlängelte. Damals war ich acht und meine Mutter und ich verbrachten während meiner Ferien viel Zeit in diesem Garten. Großvater war Leiter der örtlichen KONSUM-Filiale, wo auch meine Mutter an drei Vormittagen während der Woche arbeitete; die übrige Zeit hatte sie frei. Dank der Rabattmarken, die Großvater als Prämie für gesteigerten Monatsumsatz erhielt, lebten wir gut, besser als viele andere Familien zu der Zeit. Vater arbeitete von März bis November auf Montage im Straßenbau, war während dieser Monate nur selten einmal ein paar Tage zu Hause, schickte aber jede Woche Geld. Und obwohl immer genügend da war für Mutters Bedürfnisse, Zigaretten, Lippenstift und Nagellack, Mandelseife, Strümpfe mit Naht – für einen neuen Stiftzahn hätte es nicht gereicht. Großvaters Garten war eine von den längsseits des Baches angelegten …