Alle Artikel in: metropolen

Großstädte sind – meistens – voller Fundstücke und Sehenswürdigkeiten. g[y]nt sucht Dinge und ihre Geschichten, die wenig bekannt sind und dennoch „bemerkenswert“.

Steinpark-Luebeck-Foto-gynt

Residenz der Steine

lübeck | Territorium, Macht und Besitz zu markieren ist eine zutiefst archaische Sitte, und das Markieren von Landbesitz mit Steinen reicht weit zurück in der Menschheitsgeschichte. Doch viele dieser historischen Grenz- und Flursteine waren und sind heute Baumaßnahmen im Wege. Für die Rettung der unter Denkmalschutz stehenden Steine auf Lübecker Stadtgebiet wurde vor ein paar Jahren ein Grenzsteinpark auf dem Gelände des Universitätsklinikums eingerichtet.

Bassena in Wien © syr

Bassena in Vienna

hinterhof | Bassena werden in Wien und Österreich die zentralen Wasserstellen in alten Mietshäusern genannt. Zu einer Zeit, als die einzelnen Wohnungen noch nicht an die Wasserversorgung angeschlossen waren, wurde im Hof oder auf den Gängen das Wasser an der Bassena geholt. Die schön verzierten, historischen Becken kann man heute noch in Wien auf vielen Hinterhöfen entdecken. Teils liebevoll gepflegt, teils zweckentfremdet oder schlicht vergessen. Ihre sozialgeschichtliche und antiquarische Bedeutung wird erst langsam wiederentdeckt. Bassena ist eine Abwandlung des französischen Wortes Bassin für Becken mit einer individuell-österreichischen Endung. Die Bassena war früher der zentrale Treffpunkt der Hausbewohner, so dass dieses Wort im sozialen Gedächtnis bis heute durchaus eine negative Konnotation hat: Was man weitläufig als Tratsch im Treppenhaus kennt, war  in Wien der Bassena-Tratsch, denn er fand beim Wasserholen statt. Der Tratsch führte zu übler Nachrede, Streit, Beleidigungen und Klagen, die in viel beachteten und gut besuchten Gerichtsverfahren gipfelten. Die zwar wegen ihres enormen Unterhaltungswertes geschätzten „Bassena-Prozesse“ sorgten damit aber auch für den negativen Beigeschmack, der dem Wort und dem Image der Becken bis heute beiwohnt. Foto: Bassena 1. Bezirk © syr/gynt.eu

Hamburger Siel © syr

Tor zur Unterwelt

hamburg | Dieses Siel-Einsteigehäuschen wurde 1904 eigens für eine Besichtigung von Kaiser Wilhelm II. gebaut. Das kleine Tor zur Hamburger Unterwelt sollte dem Kaiser einen standesgemäßen Einstieg in die Kanalisation ermöglichen. 2012 stellte eine aussergewöhnliche Entdeckung es wieder in den Fokus der Aufmerksamkeit. Das zauberhafte, kleine Jugendstil-Bauwerk findet man in Hamburg am Vorsetzen, in unmittelbarer Nähe der U-Bahnstation Baumwall (U3). Die hier gegenüber der Speicherstadt und dem Hafen überirdisch verlaufenden Gleise, gelten als schönste U-Bahnstrecke der Hansestadt. Das blaue Emailleschild neben der – leider verschlossenen – Tür erzählt die Geschichte des Gebäudes: „Das Hamburger Sielnetz (Siel = hamburgisch für Abwasserkanal) war die erste moderne Kanalisation auf dem europäischen Kontinent und hat seine Ursprünge im 19. Jahrhundert. Gebaut wurde es nach dem großen Brand von 1842. Bis zur Jahrhundertwende wuchs das Sielnetz auf knapp 500 km Länge an, heute misst es rund 5900 Kilometer. Das hier verlaufende Kuhmühlenstammsiel wurde 1904 fertiggestellt und ist das größte historische Stammsiel Hamburgs. Es entwässert die Wohnorte Rahlstedt, Wandsbek, Eilbek, Hohenfelde sowie die Hafen-City. Weil das Kuhmühlenstammsiel zur Zeit seiner Entstehung als technische Sensation galt, …

Kabäuschen | Foto: www.augenblick-fotodesign.com

Kleines Glück im Kabäuschen

hinterhof | Das Heiligen-Geist-Hospital von 1286 ist eines der ältesten Hospitäler Europas und eines der wichtigsten Bauwerke Lübecks. Hinter der imposanten Fassade und den beeindruckenden Wandgemälden in der Kirchenhalle findet man, verborgen hinter einer Doppeltür, einen sozialgeschichtlichen Schatz: Die Kabäuschen im Langhaus. Die reichen Lübecker Kaufleute hatten für das Hospital bereits im Mittelalter eine Stiftung ins Leben gerufen. Das Langhaus wurde seit der Reformationszeit als Altenheim für die Ärmsten der Stadt genutzt. Zunächst standen die Betten in der hohen Halle in Reihen nebeneinander. 1820 begann man, kleine hölzerne Kammern zu bauen, die heute noch wie winzige Reihenhäuschen in ihrer ursprünglichen Form erhalten sind. Jeder Bewohner nannte vier Quadratmeter sein eigen. Dies reichte gerade für ein Bett, ein Nachttischchen und einen kleinen Schrank, aber es gestattete Privatsphäre. Das Kabäuschen war ein Rückzugsort. Es hatte eine Tür, die man schließen konnte und ein Fenster, durch das man auf Wunsch mitbekam, was draußen los war. Angeordnet waren die Kammern in vier Reihen mit zwei langen Gängen, die nach Geschlechtern getrennt waren. Dies bietet heute ein Bild, das dem Hofleben der Lübecker Gänge durchaus geähnelt haben muss und …

Schnittlauchbrot © augenblick-fotodesign.com

Raus aus dem Quark

kulinarium | Vergesst doch mal den Quark! Im Norden ist das Schnittlauchbrot noch immer ein Exot. Wir entdeckten es gerade erst in Wien. Ein Plädoyer für neue Gewohnheiten. Frisch in Röllchen geschnitten und verspeist, entfaltet der Schnittlauch sein Aroma und seine Wirkung am intensivsten. Schnittlauch ist nicht nur ein wohlschmeckendes Würzmittel, sondern auch noch eine Heilpflanze. Wie alle Laucharten wirkt er schleimlösend, harntreibend und antibakteriell, er vertreibt die Müdigkeit und liefert Vitamin C. Für den gesamten Magen- und Darmtrakt ist er eine Wohltat. Was viele nicht wissen: Neben den saftig grünen Stengeln kann auch die dekorative violette Blüte komplett verspeist werden – zum Beispiel im Salat. Das Schnittlauchbrot kann man in Bayern und Österreich auf jeder Frühstückskarte entdecken. Es ist ein schlichtes Butterbrot, komplett belegt mit Schnittlauchröllchen. In eleganteren Lokalen wird der Schnittlauch zum Selbstdosieren in kleinen Schälchen serviert. In Norddeutschland hingegen landet der Schnittlauch morgens im Quark. Hier scheint das Schnittlauchbrot noch völlig unbekannt. Bis heute, wie wir hoffen. Ob Schwarzbrot oder Grau-/Mischbrot – da sind wir übrigens großzügig. Hauptsache Schnittlauch. „Das Schnittlauchbrot wird im höchsten Maße unterbewertet“, finden auch die Macher der …

Die Strick- und Häkelguerilla…

steinpfad | …macht das Leben bunter! Am Ende der Fußgängerzone in Hamburg-Neugraben, da wo die Bauten so trist und grau sind wie das Pflaster, bringt ein farbenfroh umhäkelter Poller die Passanten zum Schmunzeln. „Guerilla Knitting“, „Urban Knitting“ oder „Strick Graffiti“ heißt die Bewegung, die uns solche fröhlich oder nachdenklich machenden Fundstücke beschert. Erfunden wurde das Guerilla-Stricken vermutlich 2005 in Texas, USA. In den letzten Jahren ist es auch in Europa zu einer großen Street-Art-Bewegung herangewachsen.   Seit 2010 wird in Deutschland nachweislich öffentlich gestrickt, gehäkelt und gestickt. Nicht nur mit der Idee, alles ein bißchen schöner, menschlicher und bunter zu machen, sondern auch mit künstlerischem Anspruch und mit politischen Statements. So wurde bereits medienwirksam gegen „Stuttgart 21“ gestrickt und 2011 in Offenbach ein gemeinschaftlich erarbeiteter riesiger „Lärmteppich“ gegen Fluglärm präsentiert. „Stricken gegen Atomkraft“ – nur ein Beispiel von vielen – produziert gelb-schwarze Leibchen und Armbinden für Statuen, Verkehrsschilder und mehr. Zusammen finden die Handarbeits-AktivistInnen – meist Frauen, aber auch immer mehr Männer – über das Internet, über Blogs und Homepages.  So bezeichnet sich beispielsweise Fluffy on tour als „Mitmach-Strickguerillagruppe“. Das Projekt bietet eine Plattform zum Netzwerken …

Gut gelaunte Gäste

berlin | Rappeldickevoll ist es an diesem Samstagabend. Wie schon bei unserem ersten Besuch – mitten in der Woche, im letzten Winter. Wir haben wieder nicht reserviert. Jede Bank, jeder Stuhl scheint besetzt, aber der resolute Kellner, der uns in Empfang nimmt, zaubert dennoch einen schönen Platz hervor. Die Lautstärke im Restaurant Hasir in Berlin-Schöneberg ist nichts für Candlelight-Dinner. Aber das Hasir ist ein Platz zum Staunen, Wohlfühlen und Entdecken. Die handgemalten Fresken an den Wänden leuchten in einem fast überirdischen Meerwasser-Türkis. Die übrige Einrichtung ist schlicht, authentisch und im Detail immer wieder besonders – wie der gesamte Betrieb. Die umfangreiche Karte bietet die Vielfalt der türkischen Küche, gut und sättigend ohne Chi Chi – geeignet auch für Vegetarier. Hasir bedeutet „Strohteppich“ und soll für Bodenständigkeit und die ländliche Herkunft der Familie Aygün stehen. 1984 begannen sie in Kreuzberg mit einem Grillrestaurant, heute gibt es das Hasir an sechs Standorten in Berlin. Der Umgang mit den Gästen ist so freundlich und wenig aufgesetzt, dass wir uns sofort wohl fühlen. „So mag ich das“, sagt meine Begleitung. In großen Stapeln wird das abgeräumte Geschirr im Laufschritt …

günt siet

Vun de günt siet

hamburg | Einen der schönsten Blicke auf die Skyline von Hamburg hat man „vun de günt siet“, von der anderen Elbseite. Auf der Aussichtsplattform gleich hinter dem Ausgang des Alten Elbtunnels kann man sich gar nicht sattsehen am weiten Panoramablick auf Hamburg. Häufig aber sieht man Touristen kurz nach dem Verlassen des Tunnels mit der Bemerkung „Hier ist nichts“ umdrehen, weil die Plattform nicht bekannt und nicht gleich zu sehen ist. Also, rechts halten und um das Gebäude herumgehen, dann geradeaus. Inzwischen gibt es hier auch einen fest installierten roten Imbiss-Container, der Getränke und andere Stärkung für alle bereit hält, die nicht den Aufzug, sondern die Treppe genommen haben. Letztlich ist hier natürlich auch der Weg das Ziel: Der Spaziergang durch den alten Elbtunnel ist immer wieder ein Erlebnis, auch für alteingesessene Hamburger. Foto: © syr/gynt.eu Foto Alter Elbtunnel © uhotti/fotolia.com

Alter Schwede

steinpfad | Alter Schwede… Im Sommer 2000 wurde der riesige Findling am Hamburger Elbstrand auf eben diesen Namen getauft und offiziell eingebürgert. Ein Jahr zuvor hatte man den seltenen Eiszeit-Koloss bei Baggerarbeiten zur Elbvertiefung in ca. 15 Metern Tiefe gefunden und schließlich an den Strand gehoben. Das tatsächliche Gewicht des Steins (270 Tonnen) hatte das Bergungsteam zunächst deutlich unterschätzt. Der Stein kappte mit seinen Tonnen die Verankerung am Schwimmkran und versank wieder in der Elbe. Der zweite Versuch war erfolgreich, und der Findling konnte schließlich an seinen heutigen Liegeplatz am Övelgönner Strand gebracht werden. Mit einer Gedenktafel wird er dort als „Hamburgs ältester Einwanderer“ geehrt – zugezogen aus Småland während der Eiszeit vor 400.000 Jahren. Mit fast 20 Metern Umfang und einer Höhe von 4,5 Metern ist der Alte Schwede einer der größten Findlinge Norddeutschlands, und er ist der Älteste seiner Art in Deutschland! Während andere Großfindlinge mit den Gletschermassen der Weichsel- und Saale-Eiszeit kamen, ordnet man den Alten Schweden der früheren Elster-Eiszeit zu. Der graue Växjö-Granit, aus dem er besteht, stammt aus Ostsmåland. Von dort ist er mit Geröll und Eismassen durch die Ostseesenke bis nach Hamburg …