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Der Oberbaurat und das Pin-up

gleisweg | Dieses irgendwie ungewöhnlich platzierte Jugendstil-Bild findet sich über der Eingangstür des U-Bahnhofs Schmalenbeck in Großhansdorf – und wird in der Eile völlig übersehen.

bahnhofDie kräftige bis muskulöse nackte Tänzerin – an einem öffentlichen Gebäude, direkt über dem Eingang, nicht eingebunden in eine Gruppe, nicht in Stuck oder Stein, oder wenigstens irgendwie in einem Gesamtzusammenhang –  das gibt Rätsel auf. Eine Darstellung wie diese ist klassischer Jugendstil, aber die Art, wie dieses Porträt positioniert wurde, ist ungewöhnlich. Was also wollte der Künstler dem Betrachter sagen?

Mit dem Bau des Bahnhofs war 1914 Eugen Göbel, Architekt und Oberbaurat in Hamburg beauftragt. Bis zum „Groß-Hamburg-Gesetz“ 1937 gehörte Großhansdorf als eine von mehreren Walddörfer-Exklaven zu Hamburg. 1914 hatte man begonnen die „Walddörferbahn“ zu bauen, aber der Erste Weltkrieg verzögerte das Projekt, und so wurde die Bahnstrecke, die heute zur Linie U1 gehört, erst 1921 in Betrieb genommen. Entworfen hatte alle Zugangsgebäude der Walddörferbahn Eugen Göbel, aber viel mehr, als dass er von 1906 bis 1930 Oberbaurat in Hamburg war, weiß man leider nicht von ihm.

Somit lässt sich das Bild für uns nur über die Zeit erklären, in der es entstanden ist. Einerseits waren  „Nacktkultur“ und der teils freizügige „Ausdruckstanz“ zur Entstehungszeit 1914 bis 1921 vieldiskutierte Themen, zum anderen gab es damals ein neues Kulturverständnis. Der Jugendstil und der sich daraus weiterentwickelnde Expressionismus waren geprägt von spartenübergreifenden Künstlerzirkeln und Experimentierfreude. Oberbaurat Eugen Göbel wirkte unter Fritz Schumacher, der 1908 Oberbaudirekter in Hamburg wurde. Schumacher hat die Architektur und Stadtentwicklung bis 1933 maßgeblich gestaltet. Ihm verdankt die Stadt die Anlage großzügiger Grünflächen, und er war ebenso mitverantwortlich für das fächerförmige Wachstum Hamburgs und die Anbindung der Exklaven im Umland. Darüber hinaus spielte Schumacher eine große Rolle in der Kulturpolitik, die sich in Hamburg wie Altona ein Stück weit als Sozialpolitik verstand.

Dirk Hempel und Friederike Weimar schreiben in „Himmel auf Zeit. Die Kultur der 1920er Jahre in Hamburg*: „Vor allem in der Avantgarde machte sich die interdisziplinäre Vernetzung der Künstler bemerkbar. (…).“ Und weiter: „Das ganze Leben sollte künstlerisch geformt sein, ein Gedanke, der seit der Kunstgewerbebewegung des 19. Jahrhunderts fortlebte. Hierin lag die Motivation, selbst vielfältig zu arbeiten (…)“ Die Autoren nennen neben Karl Lorenz, Paul Theodor Etbauer unter anderen auch den Schriftsteller Hans Leip („Lilli Marlen“), der auch als „(…) Maler, Bildhauer, Werbegrafiker, Kunstkritiker und Tanzlibrettist arbeitete, als Hörspielautor, Journalist, Puppenspieler und Künstlerfestorganisator.“

Die Hamburger Kulturszene war nicht sehr groß, man kannte sich. Möglich wäre also, dass das Bildnis am Bahnhof Schmalenbeck die Hommage an eine damals bekannte Tänzerin ist, vielleicht mit lokalem Bezug. Aber das bleibt Spekulation. Die Exklaven Schmalenbeck und damals noch „Groß-Hansdorf“ waren zur Zeit der Entstehung des Bahnhofs beliebte Ausflugsziele für Hamburger. Es gab Ausflugslokale, Pensionen und Hotels, zudem hatten wohlhabende Hamburger hier ihre Wochenendhäuser und -villen.

Falls jemand mehr über das Bild der ernst blickende Dame oder über Eugen Göbel zu berichten weiß, würde sich die Redaktion über weitere Informationen freuen und sie hier veröffentlichen.

Der Bahnhof Schmalenbeck ist übrigens innen noch weitgehend im Original erhalten. Der notwendige Einbau eines Aufzugs hat jedoch zwangsläufig zu baulichen Veränderungen geführt. Die Sitzbänke auf den Bahnsteigen sind bei den ehemaligen Walddörfer-Bahnhöfen noch aus der Entstehungszeit.

Bahnhof Schmalenbeck © syr

Fotos: syr/gynt.eu

*Himmel auf Zeit. Die Kultur der 1920er Jahre in Hamburg, Dirk Hempel und Friederike Weimar (Hrsg.), 2010,  ISBN 978-3-529-02849-6

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