literatur, short stories

1. Preis | Die Schädel

Literaturpreis 2015 - Die Schaedel von Michael Wenzel, 1. Preis.

preisträger 2015  | Statt halbe tote Schweine im Schlachthaus herumzuschleppen, arbeitete ich in dem Sommer auf dem Friedhof. Was von der Löhnung her ein Abstieg war und mich nicht weit wegbrachte von der Hinfälligkeit des Fleisches.

Aber es war ein netter Ort, muss ich sagen. Sonnenpfützen und Schattenflecken lagen hübsch beieinander, Eichkatzen turnten die Bäume rauf und wieder runter, und auf einer Bank, hinten an der Mauer, hockten die Tippelbrüder und soffen Wermut. Hockten da, und manchmal sagte einer, als hätte er eine Botschaft zu verkünden: „Du, da lieg ich au bald.“

Und dann sagte einer nach einer angemessenen Zeit der Besinnung: „Genau“ und rülpste, was eine noch nachhaltigere Form der Bestätigung war.

Ich schob eine Blechkarre durch die Gegend, schaffte verdorrte Kränze weg, harkte Kieswege, wo alte Frauen entlangschlurften. In der Hand die grüne Gießkanne aus Plastik, den Buckel schon nach unten gebeugt. Ab und an ackerte ich im Komposthaufen. Da sah ich die fetten, weißen Würmer und dachte dran, was ihr Geschäft ist.

Zwischen verwitterten Marmorengeln, die schon händeringend zum Himmel aufsteigen wollten, als noch keiner an meiner Herstellung interessiert war, schwebte der Geruch von faulenden Blumen und brackigem Wasser, und selbst der Sommer kam andächtig daher. Auf ellenlangen Listen reihten sich die Gefallenen vergessener Schlachten, und wenn mir langweilig war, las ich Sprüche, die Wehmut über das Sonnenlicht legten: Der Tod kommt wie ein Dieb und schneidet hurtig Leid und Lieb.

Alle paar Tage stand eine Beerdigung an. Mit dem Radbagger schaufelten wir aus. Wenn ich sage Wir, stimmt das nicht so. Eddi machte das. Mann, konnte der mit dem Gerät umgehen. Er zauberte geradezu die Quader, einen nach dem andern, alle gleich, wie Schuhkartons. „Wer in meinem Grab drin liegt, der hat ein neues Bett gekriegt“, war sein Leitsatz, der einen fröhlich stimmte, wenn man nicht gemeint war, und für einen Matratzenladen hätte werben können.

Eddi ähnelte bemerkenswert einem Kubikmeter: ein Meter hoch, einen breit und genauso tief. Was ihm eine gewisse Geschlossenheit gab. Das zeigte sich zudem in der Kompaktheit seiner Fäuste und seines Gemüts. Beides befähigte ihn, Weisheiten auszubuddeln und Löcher in den Boden zu stanzen.

„Egal, was einer hier war und wieviel Knete der einholte“, sagte er, wenn er eine seiner Maßanfertigungen produziert hatte, „zuletzt stecken se all zwei Meter fufzig drin. Mir kommt keiner aus.“

Wir stützten die Wände mit Bohlen ab und verzogen uns einen Querweg weiter, bevor die ganze Trauerkarawane mit schleppendem Singsang und hängenden Köpfen anrückte.

Die erste Zeit hörte ich noch hin, was sie dort psalmodierten und welch große Worte sie schwangen. Von Vergänglichkeit und Vergeblichkeit und davon, wie die Welt nun ärmer sei ohne den oder jenen, der da kalt und starr in seiner Kiste lag. So war ihre hochtrabende Rede. Sie verbreiteten Weihrauch oder Weihwasser, sangen vom guten Kameraden, den sie mal hatten, oder vom Gras, das heute noch grünt und morgen abgesichelt wird, während das Holz ächzte, wenn sie den Sarg herunterließen.

Ich sah die schwarzbetuchten Leute heulen wie Schlosshunde, starr vor der offenen Grube stehen, mit Mienen wie aus Stahl, und ich sah, wie sie böse lächelten, als wollten sie sagen: es ist gut, dass du da unten liegst, du Sauhund, und nicht ich.

Das hat mich schwer ins Schleudern gebracht.

Der Eddi sah und hörte schon lang nichts mehr. Das hatte er zugunsten einer nährstoffreichen Philosophie eingestellt.

„Nirgends wird soviel gelogen wie aufm Friedhof, wetten“, sagte er und biss in sein dickes Wurstbrot. „Das kannste dran sehn, ob se nachher noch kommen, … die Lieben, … wenn der ganze Zinnober vorbei is. Da gibts Gräber, die hat noch keine Träne gewässert. … Nicht, dass das schlimm wär.“

Er winkte mit seinen massigen Armen alles Kilometer weit weg, zog ein Flaschenbier rein und drehte sich einen seiner stinkigen Lungenspargel, um Rauchschwaden wie ein alter Drache abzugeben. Seine Meinung stand fest wie die schwarzen Granitblöcke, an die nichts rührt.

Ich hatte da wenig zu sagen. Ich war siebzehn und hatte, wie ich glaubte, kaum am Leben geschnuppert. Was sollte ich da groß über den Tod erzählen. Wir kannten uns nicht, und das sollte auch so bleiben. Die Leute taten, als ob der was Lebendiges wäre, irgendein irrer Typ, der mal vor deiner Tür steht und klingelt. Aber da mach ich nicht auf, dachte ich, ich doch nicht. Ich zählte lieber die Tage, wann ich nach Süden abhauen konnte, wo der Wind vom Meer kommt und den Schweiß trocknet.

Wenn die Leute vor den Gräbern heulten, sagte Eddi so kühl wie die Erde: „Jetzt machen`s dem Tod Katzenmusik, richtig fette Katzenmusik. Das freut den Kerl unbandig. Lachen müssten sie, lachen wie verrückt, da wär der gleich ums Eck und fort und weg.“

Kaum war die ganze dunkle Gemeinde abgerückt, kamen wir hinter den Büschen hervor, um zuzumachen. Wir stapelten die schönen Sträuße und protzigen Kränze, wo auf den Schleifen zu lesen war, wie sehr sie den Toten vermissen und was er alles geleistet hatte. Irgendein Name und ein paar Jahreszahlen standen noch dort, ein Bindestrich dazwischen, eine schmale Brücke, über die ein Leben wandert.

Ich sprang ins Grab, um die Verschalung abzubauen. Mann, war das ein Gefühl, einem auf dem Sarg herumzutanzen. Anfangs lauschte ich, ob der drin nicht Signal klopfte. Aber da war nie was. Oben starrte ich auf das Holz mit den Messingbeschlägen, wo die zertrampelten Blumen lagen. Da hatte ich einen schweren Stein im Bauch.

„Auf meinem Sarg tanzen die Erben, lass all sie verderben“, sagte Eddi und legte einige flotte Schritte hin. Das schaute aus, als ging ein Trumm von Bär in die Tanzschule.

„Vor ner Minute ham se sich die Augen rausgeheult. Jetzt sitzen se vor der Nudelsuppe, lockern die Seelenbinder und kratzen die Penunzen zu sich rüber, um se einzusackeln“, war nun sein weiterer Kommentar. „Von nun an, Kamerad da unten, heißts: allein durchhalten. … Bis die Trompeten erschallen.“ Wenn eines klar war: Der Chef hatte die Seele eines Metzgerhundes.

Er hockte in seinem Radbagger, und schon polterte die erste Ladung abwärts. Das ging flugs wie nichts. Zuletzt machten wir einen kleinen Hügel, klopften den fest und legten die Gebinde drauf. Das war’s.

Es regnete Bindfäden, oder die Sonne knallte runter, die Eichkatzen huschten die Bäume entlang, und drüben hockten die Tippelbrüder und sinnierten über die Kurzlebigkeit alkoholischer Getränke.

„Klappe zu, Affe tot“, riefen sie und hoben die Pullen. „Gesegnet sei die Arbeit und der Alkohol.“ Dann lachten sie und hauten sich auf die Schenkel. … „Haltet uns nen Platz frei, Jungs! Wenn möglich: gut feucht.“

Und dann kam die Sache mit den Schädeln, den Totenschädeln.

Der Friedhof platzte aus den Nähten, wie sie sagten. „Hier ist für kein Seelchen mehr Platz, da liegen sie schichtweise. Wie Käsmatte“, sagte Eddi.

Ein anliegendes Hangstück sollte erschlossen werden. Praktisch: dicke Maloche für uns und Millionen Schweißtropfen.

„Wir brauchen neue Betten“, sang der Meister, schwang sich auf seinen Bagger, als wolle er geradewegs in den Sonnenaufgang reiten, und so rückten wir aus, um den Hang abzutragen, andres zu befestigen. Was in der Art. „Des einen Tod, des andern Butterbrot“, lautete der übliche Spruch von Eddi bei so einer Sache.

Der Tag war so klar und friedlich, dass die Toten hätten zurückkehren können. Eddi brummte vor sich hin, und der Bagger brummte auch, weil er tüchtig das Maul voll kriegte. Die Sonne lachte immer heller und freute sich, uns fein durchschmoren zu dürfen, bis der Eddi zu fluchen anfing. Fluchte wie sonst was. Ich hackte gerade hinten Disteln und Gestrüpp nieder, um sie auf einem Haufen zusammenzuschleppen.

Gleich stand ich, wo der Bagger sich schräg in die Böschung gefressen hatte, und da lagen auf einmal Knochen, ein Haufen von Menschenknochen, alle kreuzquer: Oberschenkel, Schulterblätter und Schädel. Das sah aus wie in so einem Piratenfilm, wo eine ganze Mannschaft von Untoten sich aus irgendwelchen Stücken zusammenbastelt, um Auferstehung zu feiern und massig Unsinn anzustellen.

„Wo sin wir denn da reingeraten, heilige Scheiße“, fluchte Eddi, „alles voll mit dem Kram. Da ham se die ja wagenweis verscharrt. …. Meine Fresse, ich kann doch nicht und so ….“

Er wurde gar nicht mehr fertig, rieb sich mit seinen klobigen Fäusten das nicht weniger klobige Kinn. Aber ohne zu einem Ergebnis zu kommen, das an das Problem irgendwie heranreichte.

„Hier ist Feierabend heut“, sagte er dann in einem Tonfall, wo man raushörte, daß er überfordert war und schon gar nichts mehr ging. „Sollen die Pinkel von der Verwaltung sich das anschaun. Ich bagger hier keinen Meter mehr.“

Er stampfte trotzig mit seinen dicken Beinen in der Gegend herum, als könne er so alles wieder unter die Erde schaffen. Als das nicht klappte, zuckelten wir ab, die Knochen hinter uns lassend.

Mir aber blieben sie im Kopf drin.

Denn am Nachmittag stand ich am Hügel und buddelte fünf Schädel aus, die ich in einer Tüte verstaute. Einen wollte ich auf den Schreibtisch pflanzen. Was bestimmt übermächtig ausschaute. Wie Faust und Hamlet zugleich. Die andern würde ich verschachern. Ich malte mir dick aus, wie ich mit den Dingern als Händler des Todes ging.

Keiner schien mich gesehen zu haben, nur ein paar Amseln lugten aus den Büschen. Die Luft flimmerte über dem Teer, während ich heimfuhr. Aus den Gärten roch es nach frisch Gemähtem und frisch Gegrilltem, und die Tüte schunkelte am Fahrrad, als würden die grünen Dinger sich freuen, noch mal auf Ausflug zu gehen. Allen ging`s offenbar sauwohl.

Als sie bei uns im Hof lagen, auf den Betonplatten aufgereiht, wie zur Parade bestellt, sahen sie irgendwie toll aus. Bemoost waren sie und mit Dreck verkrustet und starrten aus leeren Augenhöhlen, als wüßten sie um die Nichtigkeit dieser Welt.

Ich fing an, sie mit Wurzelbürste und Seifenlauge zu bearbeiten, schabte und schrubbte dran herum, als hätte ich einen Putzwettbewerb zu gewinnen, während ihre Zähne, gelb wie ein Postkasten, mich blöd angrinsten. Ein grüner, zäher Saft lief mir den Arm runter, und es roch wie jahrhundertealte Hustenbonbons und vermoderter Kartoffelkeller zugleich. Über eine Stunde schaffte ich hin, schwitzte wie ein Brunnengräber, und aus meinen Poren, so meinte ich, troff bittersüßes Gift. Übel fühlte ich mich ziemlich bald, hundeelend sogar, richtig matschig in den Knochen, und dann, dann mußte ich Idiot auch noch an den Fingern schnuppern.

Mit dem Ergebnis, dass ich direkt in den Hof reiherte. So arg, daß es mir scheinbar die Innereien umstülpte. Als ich, die Augen tränenverschleiert, aus meinem High von Faust und Hamlet und Großhändler für leere Köpfe wieder auftauchte und den Magen an die richtige Stelle bugsiert hatte, räumte ich meinen Putzkram für Leichenteile weg, spritzte den Hof aus und packte die grinsenden Dinger. Ich fuhr zum Hügel zurück.

Eine kühle Brise zog den Abhang hoch, und jeder Grashalm lachte mich aus, und hinten, ganz hinten am Horizont, war die Sonne rot, wie ich kaum ein Rot gesehen habe. Ich legte die nun schneeweißen Boller zu den andern Knochen und, verdammt, mir war viel wohler. Auf einmal klopfte einer der knüppelharten Grabsprüche bei mir an: Hier ruhen meine Gebeine, ich wollt, es wären deine. Da hatte ich einiges kapiert.

Ich weiß nicht mehr, was ich sonst dachte. Ich spürte aber die Schönheit des Abends, und ich spürte auch, wie toll es ist, jung zu sein und zu leben und nicht in irgendwelchen Brocken herumzuliegen. Die Amseln zwitscherten in den Gebüschen ihr Abendlied oder kicherten sich einen. Mir war das piepegal.

Summer`s almost gone, summer`s almost gone, yeah, it`s almost gone, sang ich auf dem Drahtesel, was ein Song von den Doors ist. Mir fielen nur die paar Zeilen von dem Text ein, nicht mehr. Aber die Musik trieb mich nach vorne und das Gefühl, das ich in mir spürte, dieses Gefühl von Wehmut, Abschied und irrem Leben. Jim Morrison hätte dazu im Grab genickt, dachte ich mir. Ich trat in die Pedalen wie sonst was.

Tags darauf erzählte mir Eddi, während wir in die Stullen bissen, das erste kühle Bier einfüllten, dass wir gestern wohl einen alten Pestfriedhof angebaggert hätten. Und als er sich dabei über seinen blöden Witz krummlachte und mir verklickern wollte, warum die scheiß Knochen sich so gut erhalten hatten, musste er zuschauen, wie ich in die Büsche sprang, um dort alles wieder herzugeben.

„Die vertragen nix mehr, die Bürschlein, die windigen“, sagte er gnadenlos und ließ den Gerstensaft laufen.

Das war mein Sommer, damals, auf dem Friedhof.

1. Platz im gynt Literaturpreis 2015: Michael Wenzel aus AugsburgMichael Wenzel – Der Autor

In Aschaffenburg geboren. Studium. Lehrer.
Arbeitet und lebt in Augsburg.
Etwa fünfzig Einzelveröffentlichungen.
Zahlreiche Lesungen. Einige Auszeichnungen.