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Tor zur Unterwelt

Hamburger Siel © syr

hamburg | Dieses Siel-Einsteigehäuschen wurde 1904 eigens für eine Besichtigung von Kaiser Wilhelm II. gebaut. Das kleine Tor zur Hamburger Unterwelt sollte dem Kaiser einen standesgemäßen Einstieg in die Kanalisation ermöglichen. 2012 stellte eine aussergewöhnliche Entdeckung es wieder in den Fokus der Aufmerksamkeit.

Das zauberhafte, kleine Jugendstil-Bauwerk findet man in Hamburg am Vorsetzen, in unmittelbarer Nähe der U-Bahnstation Baumwall (U3). Die hier gegenüber der Speicherstadt und dem Hafen überirdisch verlaufenden Gleise, gelten als schönste U-Bahnstrecke der Hansestadt.

Das blaue Emailleschild neben der – leider verschlossenen – Tür erzählt die Geschichte des Gebäudes: „Das Hamburger Sielnetz (Siel = hamburgisch für Abwasserkanal) war die erste moderne Kanalisation auf dem europäischen Kontinent und hat seine Ursprünge im 19. Jahrhundert. Gebaut wurde es nach dem großen Brand von 1842. Bis zur Jahrhundertwende wuchs das Sielnetz auf knapp 500 km Länge an, heute misst es rund 5900 Kilometer. Das hier verlaufende Kuhmühlenstammsiel wurde 1904 fertiggestellt und ist das größte historische Stammsiel Hamburgs. Es entwässert die Wohnorte Rahlstedt, Wandsbek, Eilbek, Hohenfelde sowie die Hafen-City.

Weil das Kuhmühlenstammsiel zur Zeit seiner Entstehung als technische Sensation galt, plante Kaiser Wilhelm II. es per Boot zu besichtigen. Eigens zu diesem Zweck baute man dieses Einsteigehäuschen, das einen komfortablen Zugang zum Siel bietet. Zum Bauwerk gehört ein unterirdischer Raum, der dem Kaiser als Ankleidezimmer diente. Dieser lag jahrzehntelang im Verborgenen hinter einer Mauer. Im September 2012 wurde es durch Zufall von einem Mitarbeiter wiederentdeckt und liebevoll hergerichtet.“

Üblicherweise ist das Siel-Einsteigehäuschen am Vorsetzen nicht öffentlich zugänglich. Am 12. April 2014 aber beteiligte sich HAMBURG WASSER an der Langen Nacht der Museen, und ermöglichte erstmals die Besichtigung des kaiserlichen Ankleidezimmers und gestattete dabei auch einen Blick in das Kuhmühlenstammsiel. Fast 300 Interessierte nahmen dafür Wartezeiten von bis zu einer Stunde auf sich.

1 Kommentare

  1. nordwester sagt

    Dem armen Kaiser wurde mit der Besichtigung übrigens viel zugemutet: Erstens galt er als Gegner des damals modernen Jugendstils (seinetwegen wurde z. B. der Hamburger Hauptbahnhof beim Bau redesigned und wir dürfen uns an den pickelhäubigen Dachreitern erfreuen). Zweitens wird er die Hamburger „Unterwelt“ kein zweites Mal betreten haben, denn die dortigen Gerüche werden seinem hochwohlgeborenen Geruchsorgan so gar nicht gefallen haben. Mit anderen Worten: Vermutlich wird er den ganzen Aufwand gar nicht recht zu schätzen gewusst haben. Der historische Hintergrund dieses entzückenden Bauwerks ist es aber allemal wert, ihn der Nachwelt zu überliefern, finde ich auch. Respekt!

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