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Residenz der Steine

Steinpark-Luebeck-Foto-gynt

lübeck | Territorium, Macht und Besitz zu markieren ist eine zutiefst archaische Sitte, und das Markieren von Landbesitz mit Steinen reicht weit zurück in der Menschheitsgeschichte. Doch viele dieser historischen Grenz- und Flursteine waren und sind heute Baumaßnahmen im Wege. Für die Rettung der unter Denkmalschutz stehenden Steine auf Lübecker Stadtgebiet wurde vor ein paar Jahren ein Grenzsteinpark auf dem Gelände des Universitätsklinikums eingerichtet.

Das Markieren von Landbesitz mit Steinen findet sich schon im Alten Testament und es reicht vermutlich viel weiter zurück. Auch bei den Germanen ist nach dem Abzug der römischen Besatzer im 5. Jh in Urkunden dokumentiert, dass Steine mit Hoheitszeichen als Grenzmarkierungen benutzt wurden. Das Antasten solcher steinerner Grenzpfeiler war jahrhundertelang allerorts aufs höchste verwerflich und forderte schlimmste Strafen heraus.

Heute stehen noch mehr als 100 Grenzsteine auf Lübecker Stadtgebiet, überwiegend inmitten bebauter Gebiete. Dennoch gingen in den letzten 200 Jahren unzählige Grenz- und Flursteine in der Hansestadt verloren, wurden beseitigt, zerstört oder als Baumaterial zweckentfremdet. Um die restlichen Steine zu retten, wurden sie in Lübeck unter Denkmalschutz gestellt. Das Versetzen und Entfernen vom Standort ist somit heute gesetzlich verboten. Der Bereich Archäologie und Denkmalpflege der Hansestadt hat sich zudem mit dem Gesteinspark der herrenlosen Steine angenommen, deren alter Standort nicht mehr einwandfrei rekonstruiert werden kann. Da die Grenzsteine von großer kultur- und stadtgeschichtlicher Bedeutung sind, wurde zudem für die Öffentlichkeit ein Faltblatt erstellt, das auch an der Hauptinformation des Zentralklinikums Lübeck erhältlich ist.

Der Grenzsteinpark bietet nun die Möglichkeit, alle Steine, die bei Baumaßnahmen und Bodenarbeiten gefunden werden und nicht mehr über einen konkreten Standort verfügen, auf dem Klinikgelände aufzustellen und sie damit auch der Bevölkerung wieder zugänglich zu machen.

Hinweisschild am Gelände: Erklärung der Hoheitszeichen

Hinweisschild am Gelände: Erklärung der Hoheitszeichen

Der Gesteinspark ist (eigentlich) öffentlich zugänglich und befindet sich am Rande des Parks zwischen Ernst-Ruska- und Heinrich-Meibom-Straße, gegenüber von Haus 10 (Dermatologie), zentral auf dem Klinikumsgelände.

Direkt hinter dem Areal befindet sich jedoch seit einiger Zeit auch die Großbaustelle des Klinikums, die es für die Grenzsteine wieder ungemütlich macht. Seit ich vor einem Jahr auf den Grenzsteinpark aufmerksam wurde, ist er nicht mehr gepflegt worden, und der Zugang ist durch ein provisorisches Absperrband verwehrt. Zunächst wirkt die Steinresidenz wie ein verwitterter Friedhof, aber wer sich die Zeit nimmt, den klärt ein Schild am Weg über die Bedeutung der Steine auf. Gemessen an ihrer einst hoheitsvollen Aufgabe und Vergangenheit fristen die alte Grenz- und Flursteine auf dem Klinikgelände ein eher tristes Dasein und hätten sicher mehr Beachtung verdient.

Fotos: Sonja Reiche, Redaktion gynt

Weitere allgemeine Informationen zu Grenz- und Flursteinen findet man beispielsweise auf der Website alte-grenzsteine.de

 

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