literatur, short stories

2. Preis | Zeit aus Eis

2. Preis Literaturpreis Zeit aus Eis von Ilka Haederle

preisträger 2015 | Seit gestern treibe ich auf dem Eis. Der Sturm, der tagelang getobt hat, schweigt. Durch das Fenster sehe ich die zerborstenen Masten unseres Schiffes. Die Sonne wirft ihr letztes Licht auf das Nordmeer. In den Augen der Eisbären spiegelt sich die Schönheit des Todes. Hungrig umkreisen sie meine Hütte, ihre Krallen haben tiefe Rillen in die Blechwände geritzt. Wir treiben auf einer Eisscholle, die sich vom Gletscher abgespalten hat. Wäre ich nicht eingeschlafen, lägen wir in sicherem Hafen. Mit dem Frachter verschwindet auch unser Neodym im Meer.

Die Eisschicht war so unerwartet dünn gewesen, dass wir kaum Mühe hatten, das wertvolle Erz zu fördern. Die gefüllten Bohrkerne machten uns übermütig. Keiner von uns hatte sich jemals so weit nach Norden gewagt. Das große Geld wollten wir machen nach den kargen Jahren. Fünf waren wir zu Anfang.

Jetzt bin ich alleine. Nur Keko, unser Hund, ist noch bei mir. Er ist der einzige, der den Mut nicht verloren hat. Wir glaubten uns vertraut mit den Bedingungen des Eismeeres, seinen plötzlichen Wetterumschwüngen. Bis am zweiten Tag des Sturmes die Satellitenverbindung zusammenbrach. In der fünften Nacht rammte unser Schiff den Eisberg. Ohne Radar ist man verloren auf dem Meer. Dass ich überhaupt noch am Leben bin, ist ein Wunder. Mit dem Rettungsboot gelangte ich ans Ufer, wo ich eine aufgelassene Forschungsstation entdeckte. Eine schäbige Hütte, Hinterlassenschaft des untergegangenen Imperiums. Vorerst bietet sie mir Schutz vor den Eisbären. Doch wie lange noch? Ohne Waffen, ohne Radar, ohne Nahrung bin ich nicht in der Lage, Raubtieren die Stirn zu bieten. Während sie zwischendurch abtauchen, um zu fischen, bin ich auf die kargen Vorräte aus dem Rettungsboot angewiesen.

Wenn ich das Boot noch hätte! Meine Kollegen habe ich nicht wieder gesehen. Die Nacht bricht herein über unsere schwankenden Inseln. Fünf helle Sterne über mir, fünffach geteilte, dunkle Einsamkeit. Ich will daran glauben, dass sie überlebt haben.

Eisbären haben kein Herz, sagt eine Eskimolegende. Sie bringen es auf den Grund des Polarmeeres, sobald sie gelernt haben, ohne Mutter zu jagen.

Keko erhebt sich, schüttelt sein schwarzes Fell und legt eine Pfote auf mein Bein. Seine mutigen Augen sehen mich an. Er wedelt mit dem Schwanz. Ich kann ihn nicht vor die Tür lassen. Nach einem Versuch heute früh muss ich diese Möglichkeit ausschließen. Würde die dünne Schutzwand durchlässig, fielen die Eisbären über uns her.

Bis vorgestern wusste ich nicht einmal, wie hungriges Eisbärenknurren klingt. Zuerst dachte ich an Polarwölfe. Doch Keko hatte sich in die hinterste Ecke verzogen und da wusste ich, dass wir in ernster Gefahr schweben. Der Hund ist klüger als ich. Obwohl ich die Eisbären fürchte, fühlte ich mich zu Anfang noch sicher. Mit den Vorräten und dem Karbidkocher, den ich in der Hütte vorfand, würden wir eine Zeitlang durchhalten. In einer Truhe lagen Decken und Felle, die mich wärmten. Ich vertraute darauf, dass mir etwas einfallen würde. Einen Schlitten bauen. Keko ist zäh und kräftig, er könnte ihn mühelos ziehen. Immer sind es die Tiere, die mir das Leben retten.

Auch in der Nacht, in der unser Schiff zerbrach, lag Keko bei mir. Niemals werde ich das Grollen vergessen. Dumpf und drohend wie ein ferner Gott, Verkünder des Unglücks, das über uns hereinbrach. Keko weckte mich Sekunden vor dem Aufprall. Das war genau die Zeit gewesen, die ich benötigte, um meinen Rucksack zu greifen, aufzuspringen und mich ins Boot zu flüchten.

Das große Geld wollten wir machen nach den kargen Jahren. Zu den frühzeitigen Stürmen kam die Schneeschmelze. Warme Luft bildete sich über der Inlandeismasse. Ein feiner Nebel nahm uns jede Sicht. Der Monitor des Radargeräts blieb dunkel. Mit dem Echolot konnte ich die elektromagnetischen Wellen und die Geschwindigkeit der Eisberge nur ungenau berechnen. Wäre ich in der fünften Nacht nicht eingeschlafen, lägen wir jetzt in sicherem Hafen.

Seit gestern treibe ich auf dem Eis. Niemand sieht mich. Keiner weiß, wo ich bin. Letzte Signale, die unser Schiff ausgesendet hat, haben sich in Luft aufgelöst, sinnlos gewordene Zeichen, die keinen Empfänger mehr finden. Die Container, gefüllt mit unserer kostbaren Ausbeute, treiben längst auf dem Meeresgrund. Bald werde ich das eisige Wasser auf meiner Haut spüren. Vielleicht habe ich Glück und sehe am Ende einen silbernen Heringsschwarm an mir vorbeiziehen. Mein Sarg ist aus Blech. Mit zunehmender Tiefe wird der Wasserdruck die Schweißnähte der Hütte zum Platzen bringen. Werde ich noch erleben, wie sich die ewige Dunkelheit über mir schließt? Im kalten Wasser sinkt man langsam. Ich habe mir geschworen, Keko und mich nicht den knurrenden Eisbären auszuliefern. Noch habe ich das Messer.

Endlich hat sich der Sturm verzogen. Und doch kann ich mich nicht darüber freuen. Je weiter wir nach Südwesten gelangen, umso schneller schmilzt der Boden unter uns. Heute Morgen habe ich einem Eisbären ins Gesicht geblickt. Ich zitterte, als ich seine langen gelben Zähne sah, diese kleinen gierigen Augen, die mich taxierten. Seine Lefzen waren blutig. Einen Schlitten bauen, die Flucht wagen. Das ist jetzt unmöglich. Letzte Nacht brach ein großes Stück vom Gletscher heraus. Seither treibe ich mitsamt der Hütte auf dem Meer. Das große Geld wollten wir machen. Unsere Fracht liegt auf dem Meeresboden. Fünf schwankende einsame Inseln, fünf Sterne am nächtlichen Himmel. Daran möchte ich glauben. Die Sonne ist untergegangen. Keko sucht meine Nähe. Sein weiches Fell ist meine zweite Haut geworden. Der Hund ist mein Trost. Ob er spürt, dass ich ihn nicht vor die Tür lassen kann? Eisbären haben kein Herz, sagt die Legende. Ich weiß jetzt, wir werden nicht im kalten Wasser sterben. Hätte ich das Boot, könnten wir die Flucht wagen. Wäre ich nicht eingeschlafen, lägen wir in sicherem Hafen. Meine Kollegen habe ich nicht wieder gesehen. Fünf Sterne am nächtlichen Himmel, fünffach geteilte dunkle Einsamkeit. Ich halte das Messer in meiner Hand. Solange die Tür geschlossen bleibt, treiben wir durch die Zeit aus Eis, ehe sie im Meer versinkt.

 

Ilka-HaederleIlka Haederle – Die Autorin

Geboren 1962 in Stuttgart.
Studium der Germanistik und Literaturwissenschaften in Berlin und Barcelona. Ausbildung zur Übersetzerin Deutsch-Spanisch. Ab 2002 kontinuierliches Schreiben, darunter ein Romanprojekt über die 80er Jahre in Berlin, Erzählungen über Barcelona, ein feministischer Entwicklungssroman, ein kollaborativer Krimi und Kurzgeschichten. Zahlreiche Veröffentlichungen in Anthologien und Literaturzeitschriften. Seit 2010 Mitglied der Berliner Autorengruppe „Aufbruch“. Autorenseite: www.ilkahaederle.de